Es ist Zeit, das aktuelle Führungsparadigma zu ändern

Interview mit Julia Jürgens

Head of Leadership Development Metro AG

 

 

COLLECTIVE PURPOSE (CP): Julia, was bedeutet für Dich persönlich ‘Purpose’ — die englische Bezeichnung für Sinn, Zweck und Absicht? Was treibt Dich an? 

Julia Jürgens: Ich habe schon immer den Drang in mir verspürt, die Welt zu retten, so albern oder naiv wie es vielleicht klingen mag. Mich einzusetzen für Gerechtigkeit im allerweitesten Sinne. Gerechtigkeit nicht bei einem Gerichtsstreit als Anwältin, sondern für Menschenrechte, soziale Angelegenheiten und Umweltgerechtigkeit, so dass Mutter Erde gerecht und alle fühlenden Wesen als gleichwertig behandelt werden. 
Es war schon ein Weg, um das sehr vage “die Welt retten wollen“ für mich zu schärfen, meinen eigenen Purpose zu definieren und mit der Zeit konkreter werden zu lassen. 
Ich habe mich zunächst viele Jahre hauptberuflich für Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte eingesetzt. Für die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen war ich auf dem ganzen Globus unterwegs, um diese Prinzipien innerhalb von lokalen Regierungen voranzubringen. Dann bin ich irgendwann darauf gekommen, auch einmal neu hinzuschauen… was passt eigentlich am besten zu mir, worin bin ich richtig gut, was sind meine echten Kompetenzen, meine ganz persönlichen menschlichen Talente und Qualitäten? Und ich habe mich gefragt, was mache ich eigentlich richtig gerne, was gibt mir in meinem Tun die größte Zufriedenheit, also was macht mir Freude und verleiht mir Effektivität? Durch diese Besinnung wurde mir deutlich, dass ich durch meine Empathie sehr gut verstehen kann, warum Menschen tun was sie tun — also verstehen, was Menschen antreibt oder abhält. Kurz gesagt, es fällt mir leicht, Motivationen zu entschlüsseln. Ich habe mich tatsächlich schon immer in Konflikten dafür eingesetzt, Brücken zu bauen, habe Menschen dabei unterstützt, sich gegenseitig besser zu verstehen, z.B. warum der andere sauer ist, oder warum er jetzt dieses oder jenes braucht. Ich habe mich dann entschieden, beruflich eine neue Richtung einzuschlagen und habe mich als Mediatorin und Coach weitergebildet. Und daraus ist dann eine neue Klarheit in mir entstanden, ein viel definierterer Purpose, als er das noch in meiner Kindheit war, als ich dachte, ich muss es Zorro gleichtun und einfach alle Bösen dieser Welt vernichten.

 

Mein Purpose ist es, Menschen darin zu unterstützen, sich selbst und andere besser zu verstehen, und dadurch mehr Bewusstheit zu erschaffen, zum Wohle des ganzen Planeten.

 

Seither ist mein Purpose Grundlage vieler Entscheidungen und macht mein Leben leichter, denn er hilft mir, mich nicht zu verzetteln, fokussiert zu bleiben auf das, wozu ich glaube, dass ich auf dieser Welt bin.

 

 

 

CP: Welche Vision hast Du für das Jahr 2030? 

Julia Jürgens: Meine Vision für 2030 — oder vielleicht auch etwas früher oder später — ist, das Grundparadigma von Leadership zu verändern. Was ist Leadership? Wofür steht Leadership und welchem Zweck soll sie dienen? Ich bin der Überzeugung, dass der Begriff Leadership in der heutigen Zeit leider sehr inflationär gebraucht wird — nämlich einfach synonym mit einer hierarchischen Stellung oder Position, z.B. synonym mit ‚Manager‘.

 

Jemand, der oder die in irgendeiner Art und Weise Macht hat, Personal- oder Projektverantwortung trägt, wird oft automatisch als ‘Leader’ bezeichnet. Dem wage ich zu widersprechen! 

 

Ich glaube, ein Leader wird man nicht dadurch, dass man eine bestimmte Stellung innehält, sondern nur dadurch, dass man mit seinem Tun konsequent einem höheren Zweck dient, der jenseits von Karriere, Popularität und Profit liegt. Dazu braucht es Bewusstheit und Verbundenheit mit dem eigenen Purpose. Es kann durchaus eine Person sein, die noch sehr jung ist, und es kann genauso jemand sein, der schon in Rente ist — jeder Mensch kann ein Leader sein oder werden. Für mich steht Leadership für den Dienst an einem größeren Ganzen. Dafür, dass jemand die Überzeugung, den Wunsch und die Entschlossenheit hat, sein ganzes Streben, seine Energie und sein Tun einem größeren Gut, einem höheren Zweck zu unterstellen, der mit dem Wohl der Gemeinschaft auf der Erde zu tun hat. Ich möchte dazu beitragen, dass diesbezüglich ein Umdeuten und Umdenken stattfindet, nämlich dass Leadership mehr ist, als eine Position zu bekleiden und nicht gleichbedeutend damit, ein Team von zehn Personen unter sich zu haben.

 

Leadership bedeutet, Verantwortung auch gegenüber dem Planeten und der Menschheit zu übernehmen, und aus dem Instinkt oder dem Bewusstsein zu handeln, dass wir alle miteinander verbunden sind.

 

 Ich möchte diese Menschen, die diesen Anspruch an sich haben, diese Haltung und dieses Verständnis, darin unterstützen, dass sie in sich selbst stärker und effektiver ihre Ziele umsetzen können. 

 

 

CP: Was ist Dein persönliches Commitment für den Weg bis 2030? Was brauchst Du dafür? 

Julia Jürgens: Mein Commitment ist, weiter an dem Thema dranzubleiben, mich nicht ablenken zu lassen und mich nicht zu verbiegen. Mit meinem Purpose kann ich das sehr gut verbinden, indem ich weiter vor allem diejenigen Menschen unterstütze, bewusst, effektiv und erfolgreich zu werden, die die größeren Zusammenhänge sehen und nachhaltig verändern wollen. Die, die auch das Bedürfnis haben, für unsere Gesellschaft wichtige Dinge positiv anzustoßen. Und indem ich diese Menschen darin bestärke, sich als Leader wahrzunehmen. Ich kann ihnen ganz praktisch — so wie wir das mit Führungskräften in großen Unternehmen tun — Mittel und Methoden an die Hand geben, die ihnen helfen, sich selbst zu erkennen, sich selbst und die anderen besser zu verstehen, und so zu mehr Bewusstheit zu gelangen. Es gibt bereits so viele bewährte Wege, die einem Menschen in seinem individuellen Wachstumsprozess dabei helfen können, innerlich stärker zu werden, besser zu kommunizieren, entschiedener voranzuschreiten. All diese hilfreichen Ansätze zur persönlichen Entwicklung, mit denen ich vertraut bin, den passenden Menschen zugute kommen zu lassen — nämlich denen, die einem höheren Zweck dienen — das ist mein Commitment. 
Was ich brauche sind gleichgesinnte Mitstreiter aus allen Richtungen: Innerhalb des Unternehmens, innerhalb der Gesellschaft, innerhalb des Freundes- und Familienkreises. Ich brauche Unterstützung für mein Tun. Vielleicht brauche ich hier und da auch ganz konkret jemanden, der mir durch seine eigenen klugen Gedanken meinen Horizont erweitert. Menschen, die praktische Kenntnisse und Fähigkeiten haben und mir in der konkreten Umsetzung helfen, die z.B. kaufmännisch damit umgehen können, die wissen, wie man solch eine Vision in die Tat umsetzen kann. Menschen, die schreiben können, um diese Idee hinaus in die Welt zu tragen. Und vielleicht irgendwann finanzielle Unterstützung, um mein Vorhaben in einem größeren Kontext umzusetzen. Ich brauche noch mehr Kontakt zu Gleichgesinnten, egal was sie tun, egal mit welchem Hintergrund. 

 

 

 

 

CP: Auf welche Nachhaltigkeitsziele (kurz: SDG — Sustainable Development Goal) zahlt Dein Wirken ein? 

Julia Jürgens: Indirekt zahlt meine Arbeit auf alle Ziele ein, am direktesten ist es jedoch wahrscheinlich auf das SDG 17 — die Partnerschaften zur Erreichung der Ziele, die durch ein neues Führungsbewusstsein mit Leben erfüllt werden.
Ich glaube, wir brauchen ein neues SDG, nämlich ein ‘SDG ZERO’ — für die zu entwickelnde Bewusstheit, die eine innere Verbindung zu den eigentlichen 17 Zielen herstellen kann.
Globales Bewusstsein ist eine enorm wichtige Voraussetzung für das Erreichen der 17 SDGs. Ohne innere, persönliche Transformation wird keine äußere, systemische Transformation stattfinden.

 

 

CP: Wer inspiriert Dich? Warum? 

Julia Jürgens: Mich inspirieren verschiedene Menschen — zum Beispiel wie Steve Jobs seine Vision in die Welt gebracht hat, oder Leonardo Di Caprio, der seine Energie in das Thema Klimaschutz steckt. Die Stärke des Martin Luther King, für seine Grundsätze und Werte einzustehen. 
Als fiktive Figur hat mich ganz besonders die Rolle des Theaterschriftstellers Georg Dreyman in dem Film “Das Leben der Anderen” berührt. Jemand, der aus seiner Überzeugung heraus alles aufs Spiel setzt, um einer größeren Sache zu dienen — hier die Wahrheit über das DDR-System im Westen bekannt zu machen, um eine Systemveränderung durch Druck von außen zu erzielen. Ein Mensch der entschlossen mit seinem eigenen Leben dem größeren Ganzen dient. Obwohl er fest im Sattel saß, entschied sich der Schriftsteller, etwas gegen die Unterdrückung und die Ungerechtigkeit zu tun. Gleichzeitig ist er sehr wohlgesinnt und ohne Verurteilung angesichts der Schwächen und Fehler seiner Mitmenschen. Er schafft es, sich eine wertschätzende Grundhaltung für seine Mitmenschen zu bewahren — auch für seine Freundin, die dem Druck des Systems nicht standhält. Er bleibt auf dem Boden und verliert nicht den liebevollen Bezug zu denen, die ihm nahestehen. Seine Verkörperung von Mut, Klarheit, Liebe und Mitgefühl inspiriert mich zutiefst.

 

 

CP: Welches Buch oder welche Podcast Episode empfiehlst du anderen, die sich auch für Leadership, Nachhaltigkeit und Bewusstheit interessieren?

Julia Jürgens: Ein gutes Buch, welches auf alle drei Themenfelder einzahlt, ist: „Von der Zukunft her führen: Von der Egosystem- zur Ökosystem-Wirtschaft“ von Otto Scharmer und Katrin Kaeufer.
Im deutschsprachigen Raum gefällt mir besonders der Podcast von Justus Ludwig: „mind-up your life – neue Wege im achtsamen Miteinander gehen!“
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CP: Liebe Julia, vielen Dank, dass du deine inspirierende Perspektive und persönlichen Einsichten mit uns teilst!

 

 

 

Photocredits:

Julia’s picture by André Wagenzik

Photo in the middle by Tim Graf on Unsplash

Photo at the bottom by Greg Bakker on Unsplash

Irina is an experienced Management and Strategy Consultant, Psychologist and Leadership Coach. She writes about Purpose, Leadership and Consciousness and is founder of COLLECTIVE PURPOSE, a network to inspire awakened leadership and to accelerate the transformation of business, society and self.

hello@irinanaithani.com

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